Erfolgreicher Fachtag: Familien unter Druck

Nachlese: Erfolgreiche Online-Veranstaltung mit Vertreter*innen aus Wissenschaft, Politik und Organisationen. Rund 90 Gäste nahmen teil.

Familien stehen heute unter enormem Druck: Die Anforderungen des Alltags und vielfach ungleich verteilte Sorgearbeit, finanzielle Belastungen, kurzfristig geschlossene Kitas und Unterrichtsausfälle an Schulen bringen Paare, Patchworkfamilien und Alleinerziehende oftmals an ihre Grenzen. Beim digitalen Fachtag - organisiert durch die Liga Arbeitskreise „Grundsatz und Sozialpolitik“ und „Kinder, Jugend, Frauen und Familie“ - wurden die Folgen dieser Mehrfachbelastungen diskutiert und Lösungswege geschärft.  

Regina Freisberg und Jörg Klärner, die Vorsitzenden der beiden Arbeitskreise, begrüßten die rund 90 Gäste an den Bildschirmen.  Es folgte ein Grußwort von Herrn Dr. Guido Friedrich in Vertretung von Staatssekretärin Dr. Sonja Optendrenk vom Hessischen Ministerium für Familie, Senioren, Sport, Gesundheit und Pflege.  

Dr. Inga Laß, Senior Research Fellow an der Universität Melbourne, bezog sich in ihrem Vortrag auf „Trends in der Arbeitswelt – Chancen und Risiken für die Vereinbarkeit und finanzielle Stabilität von Familien“. Sie machte deutlich: Die Erwerbstätigkeit von Partner*innen und die wirtschaftliche Lage von Familien stehen in direkter Verbindung zueinander. Die staatlichen Absicherungen (z.B. Eltern-, und Kindergeld) würden nicht ausreichen, um Armut in Familien langfristig zu vermeiden. Zwar seien zunehmend mehr Mütter erwerbstätig, beim näheren Hinsehen würde jedoch schnell deutlich: Der überwiegende Teil arbeitet in Teilzeit oder in Minijobs. Das klassische Rollenbild Mann-Frau bestehe weiterhin in den Köpfen, wie eine Erhebung aus dem Jahr 2020 zeigt: Demzufolge waren die Befragten mehrheitlich der Meinung, Mütter dürften erst wieder in Vollzeit arbeiten, wenn das jüngste Kind volljährig sei. 

Auch Dr. Sonja Bastin, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bremen, machte auf die Kluft zwischen Vätern und Müttern im Arbeits- aber vor allem im Bereich unbezahlter Sorgearbeit aufmerksam. Nicht Krisen von außen wie Pandemie oder Inflation würden diese Dissonanz befeuern, sondern es seien gesellschaftliche sowie fiskalische Faktoren, die problematische Erwartungen generierten oder Fehlanreize setzten. Das betreffe besonders Menschen, die Kinder, Alte und Kranke unentgeltlich versorgen. Laut aktuellen Zahlen der Hans-Böckler- Stiftung übernehmen erwerbstätige Frauen mit Kindern mit einer Wahrscheinlichkeit von 74 Prozent den Großteil des Alltagsmanagements. Väter tun dies hingegen nur in 17 Prozent der Fälle (Frauen ohne Kinder: 56 Prozent). Diese Arbeit würde nach wie vor nicht als gesellschaftliche Aufgabe verstanden, so Frau Dr. Bastin. Es gehe nicht nur darum, Kitas und den Ganztag auszubauen – es müsse endlich mehr Entlastung und eine Wertschätzung der Menschen, die Sorgearbeit leisten, geschaffen werden. Eine Politik und Arbeitswelt sind gefordert, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erleichtern, und zwar für beide Elternteile. Umverteilung der Aufgaben müsse dabei auch in den Familien stattfinden. Dafür braucht es aber die entsprechenden gesellschafts- und arbeitsmarktpolitischen Rahmenbedingungen: Beispielsweise ein wirklich attraktives Elterngeldangebot, mehr Offenheit und Akzeptanz bei Arbeitgeber*innen, faire Bezahlung auch im Teilzeitsektor und alternative Angebote für Arbeitnehmer*innen, die nicht im Homeoffice arbeiten können. Erschreckend sei das Ergebnis einer Umfrage unter Müttern durch die Hans-Böckler- Stiftung: Seit 2021 zeigen sie eine klare Zunahme von Müttern, die angeben, wenig oder überhaupt kein Vertrauen in die Bundesregierung zu haben. Im November 2022 traf das auf fast zwei von drei Müttern zu. Das entsprach einer Zunahme von 50 Prozent innerhalb nur eines Jahres. 

Auf dem Podium diskutierten anschließend Nadine Gersberg (MdL, familienpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion Hessen), Claudia Ravensburg (MdL, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU Hessen), Dr. Inga Laß (Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung Wiesbaden), Ulrike Sochor (Vorsitzende Verband alleinerziehender Mütter und Väter Hessen) und Kristina Nottbohm (Sprecherin der Liga-Fachgruppe Frauen und Familie) die Problematik und versuchten, Lösungen zu erarbeiten. Einigkeit bestand darin, Mütter zu entlasten, Sorgearbeit besser zu verteilen und Angebote der Kinderbetreuung auszubauen. Gerade letztere sei nicht verlässlich, so Gersberg, und Ravensburg ergänzte, es müsste an der Stellschraube Elterngeld gedreht werden, damit Väter länger als die üblichen zwei Partnerschaftsmonate in Elternzeit gehen. Auch würde der Bau von mehr Kitas nicht das Problem des Fachkräftemangels lösen. Beide Landtagsabgeordnete unterstrichen, dass die Landesregierung hierbei an einem Förderprogramm zum Bau von Kitas arbeite. Kristina Nottbohm ergänzte, dass Existenzsicherung die Voraussetzung für die Selbstbestimmung von Frauen sei. Familie müsse eine Verantwortungsgemeinschaft sein. Gerade für Alleinerziehende sei die Sicherstellung der Betreuung das Allerwichtigste, so Ulrike Sochor vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter in Hessen, weil sie nicht automatisch ein “Auffangbecken” für ausfallende Kita-Tage hätten. 

Im Schlusswort zur Veranstaltung wandten sich Regina Freisberg und Jörg Klärner an die Landesregierung: „Sie haben sich in Sachen Familienpolitik im Koalitionsvertrag viel vorgenommen. Es wird sich zeigen müssen, wie etwa passgenaue Unterstützungsangebote und eine qualitativ hochwertige und verlässliche Kinderbetreuung garantiert werden können, eine verlässliche frühkindliche Bildung auch zu Randzeiten flächendeckend etabliert und Mutter-Kind-Kliniken gestärkt werden können – um nur einige Vorhaben aus dem Koalitionsvertrag zu zitieren.“  

Angesichts enger werdender finanzpolitischer Grenzen kommt es hier umso mehr auf wirksame, präventive und befähigende Lösungsoptionen an. Die Liga Hessen ist ein starker Partner und bietet der Landespolitik – in diesem Falle vor allem dem Familien- und dem Sozialministerium - ihre Expertise und Mitarbeit an. Zugleich zeigte der Fachtag eindrücklich: Alleinerziehende müssen mehr in den Fokus. Hierbei wollen wir im verbandlichen Netzwerk in Zukunft deutlich hörbar sein, denn Familien – egal in welcher Konstellation – brauchen eine starke Lobby! 


 

Ansprechpartnerinnen

 

Vanessa Lindl, Geschäftsführung AK „Grundsatz und Sozialpolitik“

E-Mail: vanessa.lindl@dicv-limburg.de

Tel. 06431 997-174

 

Sophia Motz, Geschäftsführung AK „Kinder, Jugend, Frauen und Familie“

E-Mail: sophia.motz(at)caritas-bistum-mainz.de

Tel. 06131 2826-272