Presse
Datum: 24. November 2015

Kinder und Jugendliche brauchen eine Ombudsstelle in Hessen

Die Liga Hessen informierte auf ihrer heutigen Pressekonferenz, dass sie in das Kooperationsprojekt Ombudsstelle für Kinder- und Jugendrechte in Hessen eingestiegen ist und macht sich damit stark für die Vertretung von Kindern und Jugendlichen und deren Rechten.

Ayana1, ein 16jähriges Mädchen ist alleine aus einem ostafrikanischen Staat geflohen. Sie hat Folter und Diskriminierung in ihrem Heimatland erfahren müssen und ist schwer traumatisiert. Sie lebt jetzt in einem Kinder- und Ju-gendhilfeheim, in dem sie sich gut eingelebt hat und bereits positive Pläne für die Zukunft macht. Sie ist entschlossen, den Realschulabschluss zu erlangen, um später eine Ausbildung als Krankenpflegerin zu beginnen. In einem Gespräch mit dem Jugendamt und dem für sie bestellten Vormund wird ihr jedoch erklärt, dass ein Hauptschulabschluss völlig ausreichend sei und es auch genug andere Berufe gäbe, die bereits mit einem Hauptschulabschluss erlernt werden könnten. Ayana ist mit diesem Vorschlag nicht einverstanden. Sie fühlt sich unsicher, mit ihren Argumenten alleine gelassen und unverstanden. Die Erwachsenen sind sich bereits einig und wollen Ayanas Ziele nicht weitergehend unterstützen.

Der Fall Ayana ist kein Einzelfall. Er bildet zwar die spezielle aktuelle Situation der Flüchtlingskinder ab. Inhaltlich spiegelt er aber die eigentlich vorwiegenden Beratungsanfragen an die Ombudsstelle wider. Nämlich Anfragen von Kindern und Jugendlichen, die in der Wahrnehmung ihrer Rechte im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe Unterstützung benötigen. Für Kinder und Jugendliche, die aufgrund schwieriger Familiensituationen in Jugendhilfeeinrichtungen untergebracht sind, ist es manchmal schwer in ihren Bedürfnissen ernst genommen zu werden und ihre Rechte umzusetzen. Die Ombudsstelle für Kinder- und Ju-gendrechte in Hessen steht in diesen Fällen als Ansprechpartner zur Verfügung.

Um die Rechte aller Kinder und Jugendlichen zu achten und zu fördern, ist die Liga der Freien Wohlfahrtspflege in Hessen e.V. in die Förderung der „Ombudsstelle für Kinder- und Jugendrechte in Hessen“ eingestiegen. Die Ombudsstelle ist ein Kooperationsprojekt aller Liga-Verbände in Hessen. Das seit 2012 in der Trägerschaft von Caritas und in Kooperation mit Diakonie geführte Projekt, gefördert durch die Stiftung Aktion Mensch, ist somit auf einer neuen Entwicklungsstufe angekommen. Thomas Domnick, stellvertretender Liga-Vorsitzender, ist überzeugt: „Dadurch setzen wir ein deutliches und positives Signal zur Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe in Hessen und für Kinderrechte.“
„Junge Menschen altersgerecht über ihre Rechte zu informieren, die Beteiligungsstrukturen von Kindern und Jugendlichen in Einrichtungen zu fördern sowie Beratungs- und Beschwerdemöglichkeiten mit Hilfe eines fachlichen ehrenamtlichen Beratungsnetzwerkes in den Regionen zu gewährleisten, das ist ombudschaftliche Vertretung nach Vorstellung der Liga Hessen“, so Thomas Domnick weiter.

Tasia Walter, Juristin und Projektleiterin der Ombudsstelle, erklärt: „Kinder, Jugendliche, junge Volljährige, aber auch deren Eltern haben gegenüber Behörden, Institutionen und Einrichtungen häufig das Gefühl unterlegen und ausgeliefert zu sein. Dies resultiert aus den bestehenden ungleichen Machtverhältnissen, da die Betroffenen häufig ihre Rechte nicht kennen, nicht artikulieren können oder nicht in der Lage sind, sie alleine durchzusetzen und dementsprechend verunsichert auf Entscheidungen reagieren. Wir versuchen die Konflikte, die hier entstehen, früh zu bearbeiten und an einem Interessenausgleich mitzuwirken. In den vergangenen drei Jahren haben sich bereits 200 Betroffene an die Ombudsstelle gewandt. Dies spiegelt den Bedarf der jungen Menschen wider, in ihren Angelegenheiten unabhängige Beratung und Unterstützung zu erhalten.“

Der Landesheimrat Hessen, das Selbstvertretungsgremium der Kinder und Jugendlichen in den Heimen, meint hierzu: „Wir sehen die Ombudsstelle als ein erfolgreiches Projekt, welches auch in Zukunft dringend benötigt wird. Sie ist eine wichtige Institution und nicht mehr wegzudenken für Kinder und Jugendliche, die Beratung und Unterstützung in der Ausübung ihrer Rechte suchen.“

Ziel ist es, bereits zum 1. Januar 2016 einen Verein zu gründen, um für die Arbeit und die Weiterentwicklung der Ombudsstelle weitere Kooperationspartner zu gewinnen, die an der Umsetzung der nunmehr bereits über 25 Jahre bestehenden UN- Kinderrechtskonventionen arbeiten und das Projekt verstetigen wollen. Hier sieht Thomas Domnick auch das Land Hessen in der Beteiligungspflicht: "In ihrem Koalitionsvertrag hat es sich die Landesregierung zur Aufgabe gemacht, zu prüfen, wie sie eine Ombudsstelle für Kinder- und Ju-gendrechte fördern kann. Bisher ist keine Förderung erfolgt. Widerspruchs- und Beschwerdeverfahren werden hier kritisch gesehen. Wir brauchen die Landesregierung und auch die Kommunen als starke Partner an unserer Seite, um gemeinsam und mit ganzer Kraft für die Rechte von Kindern und Jugendlichen einzutreten.“
Denn die Ombudsstelle ist letztendlich das Instrument praktischer Umsetzung der Forderungen der ehemaligen Heimkinder im Rahmen des "Runden Tisches – 50er/60er Jahre Heimerziehung". Hier wurde ausdrücklich von den Betroffenen für die Zukunft gefordert, dass für Kinder und Jugendliche in stationären Einrichtungen der Jugendhilfe eine unabhängige Beschwerdeinstanz (Ombudsstelle) eingerichtet werden sollte. Sie ist damit auch ein kritisches Gegenüber zu den Einrichtungen der Hilfen zur Erziehung.

Thomas Domnick betont: „Wir wollen die Politik gewinnen, sich an der Ombudsstelle zu beteiligen. Auch wenn die Runden Tische zum sexuellen Missbrauch und zur Heimerziehung nach 1945 schon fünf Jahre zurückliegen, können die Ergebnisse nicht ignoriert werden.“

Rückfragen an:
Tasia Walter, Projektleiterin der Ombudsstelle
Caritasverband für die Diözese Limburg
Graupfortstraße 5
65549 Limburg
E-Mail: ombudsstelle@dicv-limburg.de
Telefon: 06431 997-203

1 Persönliche Angaben zur Person sind geändert worden.

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